Die ESG Uhr tickt für M&A

German
June 22, 2021
Jelle Stuij
Head of Marketing & Operations

Umwelt-, Sozial- und Corporate Governance-Faktoren (kurz ESG) sind heute Dealmaker oder Dealbreaker im M&A. Einen Plan zu haben, wie man diese Faktoren in einem Zielunternehmen aufdeckt und verstärkt ist entscheidend.

Dealsuite CEO Floyd Plettenberg ist davon überzeugt, dass detaillierte ESG-Analysen und Zukunftsplanungen für Zielunternehmen innerhalb der nächsten fünf Jahre Mainstream sein werden. „Als Unternehmen sind wir bestrebt, in diesem wichtigen Thema innovativ zu bleiben. Wir bieten unseren Kunden die Möglichkeit, nach ESG-Kennzahlen zu filtern und zu bewerten.“, so Plettenberg.

Alle Märkte passen sich an eine sich verändernde ESG-Landschaft an und M&A ist keine Ausnahme. Die globale Pandemie hat Mängel in der Gesellschaft und in Geschäftspraktiken aufgezeigt, die eine dringende Neubewertung des sozialen Zwecks und des ökologischen Fußabdruckes von Unternehmen erzwingen. Sie rückt die ESG-Agenda in die Mitte strategischer Pläne.

ESG: vom Konzept zur Notwendigkeit

Nachhaltiges Investieren und ESG werden oft benutzt als seien sie Synonyme. Während jedoch der weltweit erste sozial verantwortliche Index 1990 eingeführt wurde, wurde der Begriff ESG erst 14 Jahre später in der Studie ‘Who Cares Wins’ der Vereinten Nationen geprägt. Als gemeinsame Initiative von 18 Finanzinstitutionen aus neun Ländern hatte diese Studie zum Ziel, Richtlinien und Empfehlungen zu entwerfen, die dabei helfen sollten, diese Faktoren besser in das Geschäft zu integrieren. Dadurch sollte ESG Unternehmen das Werkzeug an die Hand geben, mit dem sie Nachhaltigkeitsthemen umsetzen können, um so wettbewerbsfähig zu sein.

Zu Beginn war der Fortschritt langsam und ein begrenzter Druck der Käufer führte dazu, dass viele Firmen lediglich eine ‘tickbox’ Herangehensweise aufwiesen: sie taten gerade genug, um ihr Corporate Image zu wahren. Die ersten relevanten Entwicklungen hin zu einem Umdenken kamen aus dem Risikomanagement. Es wurde versucht, das Reputationsrisiko und die möglichen finanziellen Folgen schlechter ESG-Entscheidungen vorherzusehen und abzuschwächen. Zahlreiche aufsehenerregende Fälle unterstrichen die Notwendigkeit dafür. Nehmen wir zum Beispiel die bekannte Ölkatastrophe der Exxon (heute ExxonMobil) Valdez im Jahr 1989. Hätte das Unternehmen in ein neues Radarsystem investiert und die Besatzung des Schiffes besser betreut, hätte es möglicherweise 2 Milliarden Dollar an Reinigungskosten und 1,8 Milliarden Dollar an Kosten für die Wiederherstellung von Lebensräumen und Personenschäden vermeiden können. Der Reputationsschaden, der durch die Katastrophe entstanden ist, war für das Unternehmen jedoch möglicherweise noch teurer. Jahrzehnte später hatte das Unternehmen noch immer Probleme, diese abzuschütteln.

Die ESG-Aktivitäten haben sich in den letzten 13 Jahren, seit PwC zum ersten Mal seinen Report über Nachhaltigkeitsbemühungen britischer Firmen veröffentlicht hat, erheblich ausgeweitet. Allerdings hat eine merkliche Veränderung erst in den letzten Jahren begonnen. Was zunächst neben dem Tagesgeschäft umgesetzt werden sollte, wird jetzt zu einem untrennbaren Bestandteil dessen, da nicht-finanzielle oder immaterielle Vermögenswerte - wie Markenwert und Reputation - einen zunehmenden Anteil des Unternehmenswertes ausmachen.

Die Nachhaltigkeitsprämie

Laut einer aktuellen Studie von PwC führt die zunehmende Erkenntnis, dass ESG ein Treiber für Wertschöpfung ist, dazu, dass deren Umsetzung in die nächste Phase geht. Der 2021 Global Private Equity Responsible Investing Survey ergab, dass 66% der Befragten Wertschöpfung unter die drei wichtigsten Faktoren für ESG-Aktivitäten zählen. Große Vermögensverwalter wie BlackRock haben offen hervorgehoben, wie wichtig vergleichbare Daten zu ESF-Faktoren sind und haben diese Daten zu einem essentiellen Teil ihrer Investitionsprozesse gemacht.

Während Unternehmen ihr Ergebnis direkt verbessern können, indem sie z.B. ihr Markenbewusstsein auf ihre ESG-Eigenschaften ausrichten oder ihren Stromverbrauch reduzieren, können sie sich auch die Nachhaltigkeitsprämie zu Nutze machen, die Investoren für eine klare, präzise und robuste ESG Strategie anbieten. Prinzipiell sind Investoren bereit, niedrigere Renditen zu akzeptieren, wenn die Firmen, in die sie investieren, umweltbewusst sind und einen Beitrag zur Gesellschaft leisten.

Ein zusätzlicher Anreiz kann sich auch durch einen verbesserten und günstigeren Zugang zu Fremdkapital ergeben. Neue Angebote wie grüne, soziale und nachhaltige Anleihen ermöglichen Firmen günstigeres Ausleihen, wenn das Geld ausschließlich für geeignete Umwelt- und/oder soziale Projekte verwendet wird. Eine Alternative bieten nachhaltigkeitsgebundene Kredite mit Margen-Anreizen (oder Strafen), die gegen kundenspezifische Ziele ausgerichtet sind. Ein Beispiel könnte die positive Margen- Anpassung eines Kredits einer Wohnungsbaugesellschaft sein, basierend auf der erfolgreich verbesserten Energiebilanz der gesamten Immobilie oder einer steigenden Zahl von Mietern in Beschäftigung.

Steigender Druck von allen Stakeholdern

Eine Welle des sozialen und ökologischen Bewusstseins im vergangenen Jahr hat den dringenden Handlungsbedarf noch verstärkt. Sowohl Investoren, Angestellte und Verbraucher als auch Aufsichtsbehörden fordern von Unternehmen, dass diese ihre sozialen und ökologischen Auswirkungen transparenter darstellen und innerhalb eines nachhaltigen Investitionsrahmens handeln. Da weniger als einem Jahrzehnt bleibt, um die 17 Ziele für Nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals oder SDGs) zu erreichen, erwarten Investoren auch vom privaten Sektor, dass er einen sinnvollen Beitrag zu den nationalen Zielen leistet.

In einer zunehmend vernetzten und transparenten Welt kann es sich kein Unternehmen, unabhängig von dessen Größe, leisten, ESG zu vernachlässigen, und Stakeholder sind schnell bereit, sie zur Verantwortung zu ziehen. Erst letzten Monat wurde der britische Finanzsektor in einer von Greenpeace und dem WWF in Auftrag gegebenen Studie für seine CO2-Emissionen gerügt. Die Initiatoren sagten, dass britische Bürger schockiert wären, wenn sie erfahren würden, dass ihr Geld auf eine umweltschädliche Weise eingesetzt wird. Im selben Monat urteilte ein Gericht, dass Royal Dutch Shell seine Treibhausgasemissionen viel schneller als geplant reduzieren muss. Es ist ein Urteil, das weitreichende Auswirkungen auf die globale fossile Brennstoffindustrie haben könnte.

Im selben Zug werden ESG-Kennzahlen zu einem essentiellen Teil aller Aspekte des M&A-Prozesses, von der Auswahl bis zur Überwachung und Berichterstattung in der Post-Merger Integration. Stakeholder werden kein "Greenwashing" nach dem Prinzip “einfach nur einen Haken auf einer Checkliste” setzen, akzeptieren - Manager werden zeigen müssen, dass sie ESG nicht nur in ihre Investment-Methoden integriert haben, sondern auch, dass sie einen finanziellen Nutzen daraus ziehen.

Auch Regulierungsbehörden haben den Druck erhöht. Die EU-Verordnung über nachhaltigkeitsbezogene Offenlegungspflichten im Finanzdienstleistungssektor (Sustainable Finance Disclosure Regulation oder SDFR), die am 10. März 2021 in Kraft trat, verpflichtet alle Finanzdienstleister, ESG-Berücksichtigungen zu bewerten und öffentlich zugänglich zu machen. Im selben Monat hat die SEC eine Arbeitsgruppe eingeführt, die proaktiv Lücken oder falsche Angaben in den ESG- und Klimawandel-Offenlegungen adressieren soll.

ESG-Erfolg messen

Eines der größten Hindernisse für eine breite Anwendung ist die Bemessung von ESG. Die Faktoren sind nur schwer zu definieren und betreffen eine breite Thematik, von Diversität und Beschäftigungspraktiken über Datenschutz- und Datensicherheitsrichtlinien. Bis heute gibt es für Investoren keinen anerkannten Maßstab, um unterschiedliche ESG-Werte verschiedener Firmen miteinander zu vergleichen. Da sie auf Selbstauskünfte in Geschäftsberichten oder auf Website Angaben angewiesen sind, ergibt sich eine enorme Bandbreite an Werten zwischen den Firmen.

Verschiedene Organisationen und Initiativen haben Fortschritte dabei gemacht, Unternehmen zu helfen, die Auswirkung ihres Geschäfts auf den Klimawandel und die Geschlechterdiversität zu verstehen und offenzulegen. Darunter fallen die Prinzipien für verantwortliches Investieren der Vereinten Nationen (UN Principles for Responsible Investment oder UNPRI), der international anerkannte Standard für Nachhaltigkeitsberichterstattung (Global Reporting Initiative oder GRI) und der US-amerikanische Rat für Nachhaltigkeitsberichterstattung (Sustainability Accounting Standards Board oder SASB). Im April diesen Jahres ging die UNPRI bei der Beseitigung von Hindernissen für die Umsetzung im Private-Equity-Markt einen Schritt weiter und veröffentlichte einen technischen Leitfaden für Limited Partner. Er beinhaltet Richtlinien für die Integration von ESG durch die Beurteilung und Einbindung der Limited Partner in allen Phasen des Investitionsprozesses der General Partners; von einem Due-Diligence-Fragebogen vor der Investition bis hin zu einem Rahmen für die andauernde Betreuung und Berichterstattung.

Globale Datenanbieter wie Refinitiv und Morningstar bieten Einblicke, indem sie von der Unternehmensführung getroffene Entscheidungen messen und deren potenziellen Einfluss auf die zukünftige strategische Ausrichtung und operative Effizienz einschätzen. Diese ESG-Werte validieren und analysieren hunderte Datenpunkte für globale Firmen von öffentlich erreichbaren Quellen. Das Dealsuite Tool bietet seine eigene ESG-Kennzeichnungsmöglichkeit an und erlaubt es Managern nach Projekten zu filtern, die in die Kategorie eines ESG-Investments fallen. Der intelligente Matching-Algorithmus stellt sicher, dass diese mit den eigenen Investitionskriterien übereinstimmen.

Neben Problemen bei der Standardisierung, gibt es auch bei den ESG-Prioritäten erhebliche Unterschiede. Diese sind abhängig von der Branche und dem Willen ihrer Investoren. Das Nutzen eines Tools wie Dealsuite ermöglicht es Ihnen, sich auf die ESG-Werte auszurichten, die für Ihre Organisation am wichtigsten sind. Da sich die anerkannten ESG-Werte im Laufe der Zeit immer weiterentwickeln und standardisieren, aktualisieren auch wir das Tool stetig, um diese Kriterien zu berücksichtigen.

Das Überleben der Stärkeren

Die Summe dieser Entwicklungen trägt zu einer natürlichen Auslese bei. Ohne umsetzbare ESG-Ziele werden Unternehmen auf der Strecke bleiben. In PWC’s letzter Studie gaben 72% der Befragten an, dass sie Zielunternehmen vor einer Akquisition hinsichtlich ESG-Risiken und Möglichkeiten prüfen und dass mehr als die Hälfte von ihnen bereits ein Investment aus ESG-Gründen abgelehnt hat.

Während ESG weiter ausreift, werden die Gewinner diejenigen sein, die - mit den richtigen Daten ausgestattet - ESG als ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal nutzen können und ESG Prinzipien in gezielte Due-Diligence Prozesse, robuste Pläne zur Wertschöpfung und überzeugende Exit-Strategien einbetten können.